Mein Bauch - Meine Regeln, eine Kontroverse in 2 Akten

Dies ist die Sichtweise zweier Menschen auf ein Thema. Auf meine Meinung folgt also eine zweite, aber lesen Sie selbst...
Manchmal denke ich über Tweets nach. Das ist nicht besonders wichtig, aber ich kann hier ja schreiben was ich will. Jedenfalls denke ich manchmal über Tweets nach. Über diesen zum Beispiel:

Ich muss gestehen, dass mich mein bisheriges Leben vor einigem bewahrt hat. Zum Beispiel davor, eine Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung treffen zu müssen. Nicht bewahrt hat es mich davor, ein Y-Chromosom zu tragen, was mich im Grunde zu einem direkten Adressaten des oben erwähnten Tweets macht.
Den Grundgedanken kann ich auch durchaus nachvollziehen, wenn man ein Kind in seinem Bauch austrägt, 40 Wochen mit all den Strapazen lebt und zu guter Letzt die Geburt durchstehen muss, dann hat man verdammt noch mal das Recht, darüber zu entscheide ob es dazu kommt oder eben nicht.

So weit, so verständlich. Allerdings habe ich trotzdem das eine oder andere Problem mit dieser Aussage.


  1. Sie impliziert, dass es immer um eine zu rechtfertigende "Pro-Abtreibung"-Entscheidung geht. Es kann aber beispielsweise durchaus auch eine Contra-Entscheidung sein, die häufig immer noch nicht nur die Frau, sondern auch den Mann empfindlich beeinträchtigt. Und das weit länger als 40 Wochen, zum Beispiel durch Unterhaltszahlungen. Sieht man es aus der weiblichen Perspektive, so ist das "Ich möchte selbst entscheiden, was ich 40 Wochen im Bauch trage"-Argument selbstverständlich legitim. Warum es allerdings besser sein soll als das männliche "Ich möchte selbst entscheiden, wem ich die nächsten Jahre X% meines Gehalts abdrücke" erschließt sich mir nicht. Eine Schwangerschaft, egal ob gewollt oder ungewollt, betrifft nie nur die Frau.

    Ja, es mag herzlos klingen das Wunder der Geburt mit schnödem Mammon aufzurechnen. Aber zu dem Zeitpunkt wenn Abtreibung noch möglich ist, ist es für mich noch kein Wunder der Geburt. Es ist das Ergebnis gewollt oder ungewollt ungeschützten Geschlechtsverkehrs, der das Leben aller Beteiligten von Grund auf verändert. Die Betonung liegt hierbei auf "aller", weshalb auch "alle" ein Teil der Entscheidungsfindung sein können sollten, sofern sie dies denn wollen.
  2. Sie impliziert, dass Abtreibungsentscheidungen immer auf zerrüttete Familienverhältnisse zurückzuführen sind. Es gibt aber z.B. auch Entscheidungen, die die Lebensumstände eines Paares betreffen und damit auch als Paar gelöst werden können. Es geht halt nicht immer nur um die Frau, die nach einer Trennung möglicherweise eine Entscheidung zu treffen hat, die den Mann nur noch finanziell betrifft (siehe 1.). Es ist für mich nicht einzusehen, warum in einer Entscheidung, die die Lebenssituation zweier Menschen betrifft, nicht auch beide eine Meinung dazu haben und äußern dürfen. Damit habe ich übrigens bewusst noch nichts darüber gesagt, wer, oder dass jemand, das letzte Wort oder die abschließende Entscheidungsgewalt haben sollte.
  3. Sie impliziert, dass Männer, die eine Meinung zu dem Thema haben oder ein Mitspracherecht einfordern, die betreffende Frau im Grunde immer unter Druck setzen und ihr die Möglichkeit nehmen frei entscheiden zu können. Ich als Mann empfinde das als sexistisch. Ich bin durchaus in der Lage, meinen Standpunkt zu einem Thema zu äußern ohne ihn anderen oktroyieren zu müssen und anderslautende Meinungen nicht nur zuzulassen, sondern sie auch anzunehmen. Trotz Y-Chromosom!
Ich bin in diesem Blogpost ganz bewusst nicht auf meinen Standpunkt zum grundsätzlichen Thema "Abtreibung" eingegangen, weil es einen solchen nicht gibt. Ich glaube nicht an DAS Pro- oder DAS Contra-Argument. Eine solche Entscheidung, die ich für eine der schwersten halte, ist immer abhängig von den Lebensumständen und das gleiche gilt auch für den nicht unerheblichen Punkt, wer eine Meinung dazu haben und äußern darf und wer nicht. Männern, nur aufgrund ihrer Genetik, generell eine Meinung zu dem Thema abzusprechen, halte ich für zu pauschalisierend und damit falsch.

Herzlichst,
Ihr Rock Galore

@MmeDisaster bekam, wie schon eingangs kurz erwähnt, diesen Beitrag vorab per Mail und antwortete darauf wie folgt

Guten Tag.
Herzlich Willkommen zu einer neuen Ausgabe von "Warum ich möchte, dass in Zukunft nur noch Frauen und männliche Seepferdchen über Abtreibung sprechen dürfen und andere Grausamkeiten des Feminismus".

Bevor wir anfangen, noch ein paar Fakten vorweg:
a) Bei einer Abtreibung werden keine "Kinder getötet", sondern lediglich Keimzellen entnommen.
b) Eine Abtreibung betrifft ausschließlich die schwangere Frau. (Oder eben das schwangere, männliche Seepferdchen.)
c) Mein Tweet war weder Pro-Abtreibung, noch Contra-Abtreibung.

Nachdem wir das geklärt hätten, bin ich gerne bereit, auch noch die anderen drei Kritikpunkte aus der Welt zu schaffen.
  1. Mein Tweet umfasst sowohl Pro- als auch Contra-Abtreibung-Entscheidungen. Und ja, eine Schwangerschaft beeinträchtigt meistens das Leben der potentiellen Mutter und das des potentiellen Vaters. Allerdings entscheidet alleine die Schwangere, ob sie bereit ist, für ein paar Monate zum Brutkasten oder sogar zur Mutter zu werden. Eventuell anfallende Unterhaltszahlungen legitimieren in keinster Weise eine Verletzung des Selbstbestimmungsrecht der Frau. Abgesehen davon: wer keine Lust hat, Unterhalt zu zahlen oder ein Kind großzuziehen, möge sich das überlegen, bevor er ungeschützten Geschlechtsverkehr hat.
  2. Auch was Punkt 2 angeht, wurde mein Tweet irgendwie fehlinterpretiert. Es ist natürlich naheliegend, dass eine Situation, die als Paar ausgelöst wurde, auch wieder als Paar gelöst wird. Natürlich darf der potentielle Vater sagen, ob ihm die Vaterrolle zusagt, oder eben nicht. Die Entscheidung, ob die Schwangerschaft vorzeitig abgebrochen wird oder nicht, hängt nicht selten auch davon ab, ob die Frau im Falle eines Falles Unterstützung seitens des Partners, der Familie, des Freundeskreises... hat. Es ist ein Unterschied, ob man beispielsweise sagt: "Eigentlich fühle ich mich noch nicht bereit für ein Kind", oder ob man sagt "Bitte lass eine Abtreibung vornehmen". Natürlich sollte der Mann seine Meinung äußern und das funktioniert, wie man am erstem Beispiel sehen kann, ohne direkt über eine Abtreibung zu sprechen.
  3. Wie bereits erwähnt, wollte ich mit meinem Tweet niemandem, sein Recht auf freie Meinungsäußerung nehmen. Aber es gibt nun mal Themen, bei denen Menschen mit Y-Chromosom kein Mitspracherecht haben. Meinung ja, Mitsprache nein. Dazu gehören unter anderem Menstruation, Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch, usw. Warum? Weil ein Mann niemals wissen wird, wie es ist, ein Kind zu bekommen. Und ein Mann wird auch nie erfahren, wie sich ein Schwangerschaftsabbruch auf Geist und Körper auswirkt. Mittlerweile fasst man die psychischen Problemen, die bei Frauen nach einer Abtreibung festgestellt wurden, unter "Post Abortion-Syndrome" zusammen. Genaue Statistische Angaben gibt es dazu nicht, mal heißt es, 80% der Frauen würden darunter leiden, mal sind es nur knapp 10% - abhängig davon, ob man sich auf einer Pro-Life oder auf einer Pro-Choice Seite befindet. (Falls jemand neutrale, genaue Angaben dazu hat, her damit.)
Wir fassen zusammen: nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird und kein Tweet ist so gemeint wie er interpretiert wird - oder so ähnlich. Ich schrieb den Tweet kurz nachdem ich mitanhörte, wie sich ein Mann darüber entpörte, dass eine seiner Mitarbeiterinnen 'wegen so einem kleinen, verschissenen Eingriff' eine Woche krank geschrieben wurde und war demzufolge etwas in Rage. Letztlich lässt sich all das hier in einem Satz zusammenfassen, der - oh Wunder - sogar von Herrn Galore selbst kommt: wenn man ein Kind in seinem Bauch austrägt, 40 Wochen mit all den Strapazen lebt und zu guter Letzt die Geburt durchstehen muss, dann hat man verdammt noch mal das Recht, darüber zu entscheiden, ob es dazu kommt oder eben nicht.

Peace!
  1. Hallo,
    ich habe heute die Kommentarfunktion dahingehend geändert, dass man nun wieder ohne Google+-Konto Kommentare abgeben kann.

    Die bisher zu diesem Post abgegebenen Kommentare findet ihr hier:
    https://plus.google.com/ripples/details?url=http://blog-galore.blogspot.com/2013/07/mein-bauch-meine-regeln-eine.html

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