Der schwarze Spiderman

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Von jeder zweiten Plakatwand springen uns gephotoshoppte Brüste entgegen. Waschbrettbäuche. Kleine feste Hinterteile, verpackt in knappe Unterwä - Ich schweife ab. Werbung zeigt uns an jeder Straßenecke ein Bild der körperlichen Perfektion, um uns Produkte zu verkaufen, die bei der Sisyphusarbeit helfen sollen, sie zu erreichen. Dem entgegen stehen die selbsternannten KämpferInnen für das Gute. Die SprecherInnen gegen die Objektifizierung des Menschen, die die Flagge des Widerstands gegen Feminismus, Sexismus, Rassismus oder irgendeinen anderen Ismus vor sich hertragen und dabei doch letztlich auch nur eine andere Form der Perfektion von uns fordern: Die geistige.

Du hast intelligent und eloquent zu sein. Du hast dabei witzig und jeder Scherz, den du machst, politisch korrekt zu sein. Kein Fehltritt ist erlaubt, keine Entschuldigungen halten den Shitstorm auf. Geschmack ist nicht streitbar. Du kannst fast 20.000 mehr oder weniger lustige Tweets schreiben, die 2, die womöglich übers Ziel hinaus geschossen sind, machen aus dir ein sexistisches, rassistisches Arschloch. Wir treten für jede/n ein, die oder den wir für unterdrückt halten, ob sie oder er das nun will oder nicht. Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns. Differenzierung findet nicht statt, weder in der Führungs-, noch in der Ebene der einfachen SoldatIn.

Das Schlimme daran ist, dass die eine Seite relativ leicht durchschaubar ist, die andere aber nicht. Es ist dieser einen Seite nämlich eigentlich scheißegal, wie wir aussehen. Sie hält uns eine Möhre an der Angel vor die Nase und will uns die Rollschuhe verkaufen, um sie zu erreichen. Das weiß jeder, damit kann man umgehen. Bei der anderen Seite sind mir die Ziele hingegen eher unklar. Natürlich, vordergründig will man die Welt zu einem besseren Ort machen, aber allein die Tatsache, dass man dabei immer wieder Feuer mit Feuer zu bekämpfen versucht, lässt mich zweifeln. Wem ist mitten in einer Sexismusdebatte beispielsweise mit dem immer wieder gerne genommenen Totschlagargument geholfen, sein männliches Gegenüber zu fragen, ob er sich auf die Diskussion jetzt einen runterholt? Ist das Bild des, im Grunde ständig, masturbierenden Mannes etwa kein Sexismus?

Hören Sie bitte auf zu grinsen.
"Die"™ sind schließlich *istisch aus Überzeugung, "wir"™ hingegen benutzen *ismus, um "denen"™ mal zu zeigen, wie das ist!!eins1!!elf!!! Betrachtet man die Situation etwas genauer ist zu erkennen, dass die Protagonisten dieser pseudohumanitären Terrorzellen, mit zunehmender Verbreitung, zunehmendem Einfluss und der damit letztendlich in einer gewissen Form einhergehenden Macht, immer unangenehmer und skrupelloser, und damit zu dem werden, was sie eigentlich bekämpfen. Sie fordern die Meinungshoheit mit einer Vehemenz, die an militärische Auseinandersetzungen erinnert. Alles im Namen des Guten. Und dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt die, in manchen Fällen durchaus beachtliche, Followerschar auf Einzelpersonen zu hetzen. Und die Schar tut, wie ihr geheißen. Unreflektiert, uninformiert und durch die Initiatoren bewusst dumm gehalten, indem man sie nur mit den, oft aus dem Zusammenhang gerissenen, Informationshäppchen versorgt, die sie brauchen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Der Totalitarismus des kleinen Gutmenschen.

Ja, das Wort "Gutmensch" wurde hier bewusst provokativ eingesetzt. Es ist nichts Schlechtes an Gutmenschen, solange sie gut sind, indem sie gut sind und nicht indem sie andere schlecht machen, um selbst besser dazustehen!
Ich möchte den meisten den guten Willen gar nicht absprechen. Ich bin mir sicher, ihre Beweggründe sind hehr. Oder sie waren es. Bis sie bemerkt haben, dass sie ihnen Anerkennung bringen können. Fame, wie man so schön sagt. Bis sie bemerkt haben, dass der schwarze Spiderman in ihnen irgendwie auch geil ist. Bis sie mal "Spring" sagten und dutzende Leute sprangen. Vielleicht sogar hunderte. Und bis sie verlernt haben, zu differenzieren. Ich bin gespannt, wann die erste dieser Attacken mal einen instabilen Charakter trifft, der sich, möglicherweise öffentlichkeitswirksam, im Ismus-Shitstorm das Leben nimmt. Und ich bin gespannt, wie die Initiatoren dann über den schwarzen Spiderman denken. Wie nah sie die zwangsläufigen "Das *istische Arschloch hat´s ja wohl verdient"-Kommentare ihrer Anhängerschaft an sich ranlassen werden. Und wer dann für das Opfer eintritt. Vielleicht sollte man den Begriff "Shitstormismus" etablieren. Ja, das könnte helfen. Wenn nichts mehr hilft, hilft umgekehrte Psychologie, das weiß jeder, der Kinder hat.

Ich finde, jeder sollte das Recht auf eine Plauze haben. Auf eine krumme Nase. Auf Geheimratsecken und Cellulite. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes oder seiner Hautfarbe diskriminiert werden. Aber eben auch nicht wegen seiner Meinung. Jeder sollte das Recht haben einen schlechten Witz zu machen, ohne gleich am Pranger zu stehen und gesteinigt zu werden. Auch nicht virtuell. Ich möchte das Recht, Menschen zu mögen ohne jeden einzelnen Satz, den sie sagen oder schreiben, gut finden zu müssen. Ich möchte selbst entscheiden, wen ich leiden kann und wen nicht und ich möchte kein Internet, in der die Weltverbesserer ihre Zombiearmeen auf jeden hetzen, der ihnen nicht passt.

Und ich möchte diesen Blogpost jetzt schließen. Und zwar mit einem meiner Tweets:


Herzlichst, Ihr Rock Galore

PS: Die Verwendung des Begriffes "Schwarzer Spiderman" ist vom Autor keineswegs despektierlich gemeint, sondern eine Comicfigur im Spiderman-Universum. Lesen Sie dazu bitte hier mehr.

Kommentare

  1. Hallo,
    es gab, erwartungsgemäß, Reaktionen auf diesen Blogpost, die meine Meinung nicht teilen. Überraschung! Leider hat mich niemand direkt angesprochen, ich habe aber dennoch einige Wortmeldungen gefunden und möchte doch kurz die Gelegenheit nutzen, um die Argumente der "Gegenseite" darzustellen, weil ich einen Diskurs für wichtig halte.

    Im Wesentlichen ging es bei der Kritik an meinem Blogpost um drei Dinge:
    1. Ich kehre die Verhältnisse um
    2. Ich verunglimpfe den Aktivismus für die gute Sache
    3. Ich verharmlose Rassismus und Sexismus als "schlechte Witze"

    Nun, ich muss für diese Kritikpunkte dankbar sein, denn sie veranschaulichen sehr schön die Art von Pauschalisierung, von der ich weiter oben gesprochen habe.

    Zunächst mal kehre ich keine Verhältnisse um. Ich empfinde Sexismus und Rassismus einfach als ebenso verwerflich wie das Aufhetzen von Leuten gegeneinander. Ich habe lediglich die These aufgestellt, dass möglicherweise nicht jeder, der mal mit einem Tweet oder Facebook-Post übers Ziel hinaus schießt gleich ein Rassist ist. Und ich habe die These aufgestellt, dass eine intellektuelle Perfektion gefordert wird, die ich als ebenso lächerlich empfinde, wie die nach der körperlichen.

    Ebenso wenig habe ich irgendetwas gegen Leute, die für eine Sache eintreten. Ich habe etwas gegen Leute, die *ismen anprangern und dabei selbst strafrechtlich relevant beleidigen. Ich habe etwas gegen Leute, die Diskussionen damit beenden, dass sie, mit teils völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen, ihre Follower auf ihr Gegenüber hetzen, bloß weil sie keinen Bock mehr haben(!). Und ich habe etwas gegen Leute, die bei anderen zwei, möglicherweise fragwürdige, aus 20.000 Tweets rausfischen und diese als virtuellen Judenstern ins Internet stellen.


    All diese Dinge sind in den vergangenen 3 Tagen geschehen, nicht zum ersten Mal und erstaunlicherweise immer von denselben 2-5 sehr medienwirksam auftretenden Personen. Da muss der Vorwurf des öffentlichkeitsgeilen Populismus erlaubt sein. Dass es um die "Sache" geht, wenn man Leute beleidigt und Rufmord betreibt, glaube ich leider keine Sekunde und der "Sache" täte es, meiner Meinung nach, sehr gut, einige ihre Meinungsführer etwas kritischer zu hinterfragen, denn die "Sache" ist viel zu wichtig, um sie so durch den Dreck zu ziehen.

    Zu guter Letzt verharmlose ich gar nichts. Ich habe nie auch nur ansatzweise behauptet, dass Rassismus eine Ansammlung schlechter Witze sei. Schon der Gedanke ist völlig abstrus. Bloß weil ich schrieb, dass nicht jeder, zum Beispiel Hautfarben thematisierende, Scherz seinen Aussprecher gleich zum Rassisten mache, bedeutet das noch lange nicht, dass jeder Fall von Rassismus ein schlechter Witz sei. Wie in "Jeder Lamborghini ist ein Sportwagen, aber nicht jeder Sportwagen ist ein Lamborghini". Der Umkehrschluss ist halt nicht jedermanns Sache, trotzdem versuchen sich immer wieder viel zu viele an ihm.



    Ein Shitstorm hat jedenfalls noch nie irgendetwas verbessert. Er verhärtet die Fronten, spült auf beiden Seiten unangenehme Extremisten an die Oberfläche und unterm Strich ist dann alles schlimmer als vorher. Aber das ist nur meine Meinung, Ihre darf durchaus anders sein.


    Herzlichst, Ihr Rock Galore

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