Reality bites

Sonntagnachmittag. Eine Notaufnahme. Eine Krankenschwester nimmt einen Patienten mit einer schwach blutenden Wunde an der Stirn auf. Er hat sich selbst mit einer Nagelpistole verletzt und Glück gehabt. Nur ein Kratzer, er wird vermutlich geklebt. Im Wartebereich sitzt eine ältere Dame und wartet. Sie hat Schmerzen beim Wasserlassen. Ein Mann neben ihr wird gerade von einem Pfleger abgeholt, er läuft gebückt, vermutlich Hexenschuss. Eine Tür fliegt auf und ein Kind wird hereingetragen. Eine klaffende Wunde im Gesicht. Blut. Hektisch werden ein paar Anweisungen gerufen, 15 Minuten später liegt das Kind in einem Behandlungsraum und wird genäht. Von einem feschen Assistenzarzt, der abwechselnd mit der anwesenden Mutter und der Krankenschwester flirtet. Oder mit dem Vater, egal. Nach 10 Minuten sind alle versorgt. Also das Kind jedenfalls, über die Schwester, die Mutter oder den Vater weiß ich nichts. - Soviel dazu, wie amerikanische Serien das Gesundheitswesen darstellen. Kommen wir nun zur Wirklichkeit in der deutschen Provinz.

Kommt man dort mit einem Kind mit einer klaffenden Wunde in die Kinderambulanz steht man zunächst mal in einem völlig überfüllten Wartebereich. Der einzige Tisch im Raum wird bevölkert von einer Ansammlung von 3 Erwachsenen und 4 spielenden Kindern. Es ist nicht ersichtlich, welches nun genau den Notfall darstellt. Man denkt kurz nach, ob man eventuell einen bizarren neuen Kindergeburtstagstrend verpasst und möglicherweise draußen eine Hüpfburg übersehen hat.

Auf den umliegenden Stühlen läuft man an einigen laufenden Nasen mit ihren Smartphones und Tablets vorbei. Tragbare Unterhaltungselektronik ist übrigens, völlig ironiefrei, ein Segen für die Wartezimmerindustrie. Dennoch, keins dieser Kinder sieht kränker als Erkältung aus. Von einem Notfall ganz zu schweigen. Dir, der du den weit offenen Schnitt im Gesicht deines Sprösslings zuhältst, um größeren Schaden zu verhindern, stellt sich unvermittelt die Frage, wann die Kinderambulanz eine Alternative zum Sonntagsausflug wurde. „Gehen wir in den Park?“ „Ach komm, es regnet. Kino?“ „Das ist immer so teuer. Gehen wir doch in die Ambulanz!“ „JAAAAA!“

Eine Frau strickt, während ihr Nachwuchs grenzdebil mit irgendwelchen herumliegenden Spielzeugen gegen die in den späten 70ern fachgerecht an die Wand genagelte Kinderbespaßung hämmert, die schon vor 20 Jahren abzublättern begonnen hat und höchstwahrscheinlich inzwischen auch splittert. Oder vielleicht auch schon nicht mehr. Aber wenn man einmal in der Notaufnahme ist, ist ein Splitter vermutlich sowieso das kleinste Problem.

Könnte man meinen. Niemand in diesem Raum voller Bazillen scheint das Prädikat „Notfall“ wirklich zu verdienen und du weißt, du wirst hier stundenlang rumsitzen, weil ein paar Helikopter-Eltern nicht sicher sind, ob das Kind sich nur verschluckt oder eventuell doch einen Bronchialkatarrh hat. Gut, es hustet seit einer Stunde nicht mehr, aber gehen wir mal auf Nummer sicher. Andere gehen lieber sonntags in die Notaufnahme, damit sie keinen Krankentag nehmen müssen, um mit ihrem erkälteten Kind zum Kinderarzt gehen zu können. Als angenehmer Nebeneffekt ist der schnodderige Spross dann auch gleich medikamentös versorgt und kann gleich morgen wieder in die KiTa, andere Blagen anstecken.

Die genervte Empfangsdame nimmt deine Daten auf und bittet dich Platz zu nehmen, bis der Doktor Zeit hat, was tatsächlich nach gerade mal anderthalb Stunden dann auch so ist. Zwischendurch blickst du neidisch auf den Kindergeburtstag, die haben wenigstens Essen mitgebracht. Ich glaube, es gab Kuchen.

Der Arzt spricht nur gebrochen deutsch, was in vielen Fällen kein Problem darstellt, außer man versucht, ihm die Allergien, Unverträglichkeiten und andere möglicherweise lebensbedrohlichen Details rund um das eigene Kind zu erklären. Man ist froh, dass man wenigstens nicht noch die Symptome mit Händen und Füßen erklären muss, so ein Schnitt im Gesicht ist auch ohne viele Erklärungen relativ leicht zu diagnostizieren. Der Halbgott in weiß erklärt dir jedenfalls, dass er sich das nicht zutraut und so was doch besser jemand aus der HNO macht. Weil es doch im Gesicht ist und man von der Narbe möglichst wenig sehen soll.

Auf diese ominöse HNO-Näh-Koryphäe wartet man weitere 2 Stunden, aber immerhin erklärt sie einem dann erstmal, wie unverantwortlich es von uns sei, das Kind erst nach 4 Stunden behandeln zu lassen. Das ist in etwa der Zeitpunkt, an dem es merklich schwerer fällt, die Freundlichkeit aufrecht zu erhalten, die man jemanden entgegenbringen sollte, der im Begriff ist das eigene Kind zu behandeln. Viereinhalb Stunden nach Eintreffen ist die Wunde dann versorgt und der tapfere durchhaltende Nachwuchs trägt ein neues, unveränderliches Merkmal im Gesicht.

Die Strickmutter hat in ihrer Wartezeit vermutlich Socken für sich, ihren Sohn, seine zwei ungeborenen und bislang nicht mal geplanten Geschwister und sogar deren Nachwuchs für etwa drei Generationen handgefertigt. Der Kindergeburtstag hat sich aufgelöst und alle schlagen sich vermutlich zu Hause die Bäuche mit ihren Süßigkeitentüten voll. Abends werden sie Bauchschmerzen haben. Einer landet dann vielleicht wieder hier. Magenverstimmung. Ein Teufelskreis. Die anderen sind ebenfalls verschwunden. Ob sie wirklich behandelt wurden, oder ihre elektronischen Babysitter nur irgendwann keinen Saft mehr hatten, ist nicht verbürgt.

Das Helikopter-Elternpärchen ist froh, dass sich ihr Kind tatsächlich nur verschluckt hatte. Vermutlich an einem Stück Holzspielzeug, aber wenigstens ist es kein Plastik. Abends sitzen sie mit einem Glas Rotwein, das sie sich nach der Aufregung aber auch wirklich verdient haben, vor dem Fernseher und sehen sich eine amerikanische Arztserie an und fragen sich, was am deutschen Gesundheitssystem nur so verdammt falsch läuft, dass es nicht mal ansatzweise so gut funktioniert wie das da, im Fernseher, während beide davon träumen, vom feschen Assistenzarzt versorgt zu werden.

Herzlichst, Ihr Rock Galore

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